
Was du wissen musst, um ein Gesicht in jeder Ansicht, in jedem Stil zu zeichnen





Kennst du das? Du zeichnest ein Gesicht, und irgendwas stimmt nicht. Du siehst es sofort. Du kannst nur nicht sagen, was es ist.
Oder: Du brüllst weinend los: Ich kann keine Gesichter zeichnen!!!
Wie oft ich das in meinen Kursen höre... Dann zeichnen wir zusammen, ich gebe paar Tipps, sie sehen dass sie doch Gesichter zeichnen können und haben eine komplette emotionale Wandlung vollzogen! XDD
Seit 17 Jahren unterrichte und nun schon. Und fast immer liegt es nicht am Talent, sondern daran, dass man zu viel Angst hat. Dass einem die Augen für menschliche Gesichtszüge nicht geöffnet wurden.
Aber zunächst: hier geht es nicht darum, eine bestimmte Person zu treffen – das ist der nächste Schritt und ein ganz anderer. Hier geht es erstmal darum, dass du überhaupt ein Gesicht zeichnen kannst. Von vorne, von der Seite, schräg von oben. Sicher, wiederholbar, ohne Raten.
Das funktioniert für jeden Stil. Ob du Manga zeichnest, Comic, Concept Art oder realistisch – ein Kopf ist ein Kopf.
So habe ich angefangen und später erst erkennbare Porträts zeichnen gelernt.

Es gibt zwei Lager. Die einen sagen: lern erst die Konstruktion. Die anderen sagen: Konstruktion macht alle Gesichter gleich, zeichne lieber, was du siehst.
Beide haben recht – nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
Am Anfang brauchst du Konstruktion. Ohne sie zeichnest du schiefe Gesichter und weißt nicht warum. Du kannst nichts korrigieren, weil du keinen Bezugspunkt hast. Das ist frustrierend, und daran geben die meisten auf.
Das Problem entsteht erst später: Wer ein Konstruktionsmodell lernt, zeichnet danach immer dasselbe Gesicht. Denn eine Konstruktions-Methode, kann nicht jedes Gesicht abbilden. Um unterschiedliche Gesichter zeichnen zu können, kommt man nicht drum rum, sich von der Konstruktions-Methode zu lösen und sein bewusstes Sehen zu trainieren.
Die komplexen Systeme wie Reilly oder Loomis sind immer wieder nützlich, solange du diese nicht als etwas Starres siehst, sondern eine Orientierung. Dein Hauptkönnen sollte nicht im Konstruieren, sondern in Anatomie, Struktur und Charakter liegen.

Bevor du irgendetwas ins Gesicht zeichnest, brauchst du die Landkarte und grundsätzliche Orientierungspunkte, um ein "hübsches" Gesicht zu zeichnen:
Das sind Richtwerte, keine Gesetze. Sie geben dir einen Startpunkt, von dem aus du abweichen kannst – und das ist genau der Punkt. Ohne Startpunkt weißt du nicht, ob du gerade abweichst oder dich irrst.

Das ist der Teil, den du sonst nirgends findest, und er löst genau das Problem, dass alle Gesichter gleich aussehen.
Statt eines Standardkopfes arbeite ich mit drei Grundformen:
Warum drei? Weil du damit von der ersten Übung an bewusst entscheidest, was für ein Mensch da entsteht. Du zeichnest nicht „ein Gesicht", sondern diesen Typ. Und wenn du die drei mischst – rundes Kinn, kantige Stirn – hast du bereits unendlich viele Varianten, ohne ein einziges kompliziertes System gelernt zu haben.
Nebeneffekt: Du fängst an, echte Menschen so zu sehen. Beim Bahnfahren, im Café. Das ist die eigentliche Übung, und sie kostet nichts.

Erst wenn das Gerüst steht, kommen die Einzelteile. In dieser Reihenfolge:
Augen erzeugen Ausdruck – deshalb fangen alle damit an, und deshalb scheitern alle daran. Augen sind auch das Erste worauf man in einem Gesicht schaut. Deshalb ist es besonders Wichtig die Augen lebendig zu zeichnen.
Die Nase ist kein Umriss, sondern ein Volumen. Sie hat eine Oberseite, zwei Seitenflächen und eine Unterseite. Wer sie als Linie sieht, bekommt sie nie plastisch.
Der Mund ist nicht einfach nur ein Strich sondern eine lebendige Linie. Meist in Form eines Vogels. Damit die Lippen nicht so aufgeklebt aussehen ist es wichtig die Linien für Oberlippe und Unterlippe dünn zu zeichnen und nichtmit den Mundwinkeln zu verbinden.
Ohren werden unterschätzt und oft immer gleich gezeichnet. Dabei hat jede Person einzigartige Ohren. Mit meiner 9-Methode kannst du ganz einfach ein standardmäßiges Ohr zeichnen.
Blog-Einträge zum Vertiefen:

Hier trennt sich, wer wirklich zeichnen kann, von wem, der ein Gesicht auswendig gelernt hat.
Die meisten üben monatelang die Frontalansicht – und stehen dann hilflos da, sobald der Kopf sich dreht. Dabei ist genau das der Normalfall: In fast jeder Illustration, jedem Comic, jedem Porträt schaut niemand direkt geradeaus.
Die 3/4-Ansicht ist die wichtigste und die schwierigste. Der Schlüssel: Die Mittellinie des Gesichts läuft nicht gerade, sondern wölbt sich über die Form. Die abgewandte Gesichtshälfte wird schmaler, das abgewandte Auge kleiner – aber es liegt weiterhin auf derselben Augenlinie.
Von oben und von unten ändert sich alles: Die Augenlinie ist keine gerade Linie mehr, sondern eine Ellipse. Genau wie der Mund, die Nasenbasis und die Haaransatzlinie.
Wenn du eine Sache aus diesem Abschnitt mitnimmst: Übe jedes neue Gesicht einmal in jeder Ansicht, nicht fünfmal frontal.


Der am meisten unterschätzte Bereich. Ein sauber gezeichnetes Gesicht auf einem falschen Hals sieht aufgesetzt aus – wie ein Kopf, der auf einen Körper gesteckt wurde.
Der Hals ist ein Zylinder, der schräg im Körper steht, nicht senkrecht. Und er ist bei den meisten Anfängerzeichnungen deutlich zu dünn.

Haare sind keine Linien, sondern Massen. Wer Strähne für Strähne zeichnet, bekommt eine Perücke.
Die Reihenfolge, die funktioniert: erst die grobe Form als Silhouette, dann die großen Massen, dann die Richtung des Flusses – und ganz zum Schluss ein paar einzelne Strähnen als Akzent.
Wichtig: Haare wachsen auf dem Schädel und haben Volumen. Das heißt, die Haarsilhouette liegt immer ein Stück außerhalb der Schädelform, die du konstruiert hast.

Hier wird aus dem Gesicht eine Person.
Es gibt sieben Grundemotionen, die weltweit gleich funktionieren: Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel, Überraschung, Verachtung. Wenn du die im Griff hast, kannst du alles andere daraus mischen.
Zwei Dinge, die den größten Unterschied machen:
Die Augenbrauen tragen mehr als der Mund. Ein lachender Mund mit zusammengezogenen Brauen ergibt kein Lachen, sondern etwas Bedrohliches.
Echte Emotion verändert das ganze Gesicht, nicht nur einzelne Teile. Bei echter Freude verengen sich die Augen und die Wangen heben sich. Fehlt das, wirkt das Lächeln aufgesetzt – und der Betrachter merkt es sofort, auch wenn er nicht sagen kann warum.

Du hast alles richtig konstruiert – und es sieht trotzdem aus wie ein Sticker. Woran liegt das?
Fast immer an der Licht-Schatten-Kante. Das ist die Stelle, an der eine Fläche sich vom Licht wegdreht. Bei Anfängern ist sie zu weich und liegt überall gleich – dadurch verliert der Kopf sein Volumen.
Der wichtigste Satz zum Schattieren: Ein Schatten ist keine Farbe, sondern eine Form, die sich über ein Volumen legt. Wenn du weißt, wo Stirn, Jochbein und Kinn sich wegdrehen, weißt du auch, wo der Schatten hingehört.

Die Augen sitzen zu hoch. Der Klassiker. Augenlinie ist Kopfmitte.

Zeichne Gesichter von Personen oder Charakteren, die du magst! Das motiviert doch am meisten und nichts verbessert einen im Zeichnen wie NOCH MEHR zeichnen. Hab also möglichst viel Spaß!


Grundkenntnisse sind schon sinnvoll, aber du musst nicht wochenlang Schädel studieren. Wenn du Spaß hast - dann bitte! Aber wenn du coole Gesichter zeichnen möchtest, dann halte die Wissensaneignung bei 10% und das tatsächliche Zeichnen von Gesichtern bei 90%.
Ja, komplett. Konstruktion, Proportionen und Ansichten sind unabhängig vom Werkzeug. Ob Bleistift oder iPad ändert nur, wie du Fehler korrigierst. Heutzutage ist z.B. das IPad Pro so gut, dass es sich wie echtes Zeichnen anfühlt. Mit der richtigen Folie und den richtigen Pinseln ist es eine phantastische Erfahrung!
Ja. Wer eine Linie ziehen kann, kann anfangen und ein ausreichendes Level erreichen, um Spaß beim Zeichnen zu haben. Bedenke aber, dass nicht jeder wie DaVinci Gesichter zeichnen lernen kann!
Ein brauchbares Gesicht in Frontalansicht: nur wenige Stunden. Mit der richtigen Anleitung ist es kein Problem. Anfangs ist die Lernkurve super steil. Je besser man wird, desto weniger merkt man den Fortschritt.
Gesichter zeichnen heißt: ein Gesicht bauen können, in jeder Ansicht. Porträt zeichnen heißt: eine bestimmte Person so zeichnen, dass man sie erkennt. Beides braucht man um meisterliche Gesichter zeichnen zu können. Übrigens: Manga Gesichter zeichnen unterliegt prinzipell dem selben Fundament wie realistische Gesichter. Beides sind ja Gesichter und sollten als solche erkannt werden - nur eben mit unterschiedlichen Proportionen und Detailstufen.
Ob ein HB Bleistift, ein Kugelschreiber, Acryl oder Kohle. Zeichne und Male was du zur Hand hast. Nutze Materialien, die dir Spaß machen. Ansonsten sind die Materialien relativ irrelevant und sind nur dafür da dir nicht die Motivation zu nehmen. Je besser du wirst, desto speziellere Materialien brauchst du, aber das erst ab einem recht hohen Level. Um mit Bleistift wirklich Tiefe erreichen zu können, brauchst du z.B. 8B und 12B Stifte, am besten die halb Kohlestifte sind. Damit du wirklich dunkel zeichnen kannst. Nur so kriegst du tiefe Schatten hin. Ansonsten bleiben deine Zeichnungen flach.
→ Kostenlos starten: Gesichter/Porträt-Starterkit (PDF) herunterladen
Systematisch lernen → Der Gesichter-Grundlagenkurs: alle 8 Bereiche in aufeinander aufbauenden Modulen

Du kannst jetzt Gesichter bauen. Der nächste Schritt ist ein anderer: eine bestimmte Person so zu zeichnen, dass man sie erkennt.
Da geht es weniger um Konstruktion als ums Sehen – darum, zu erkennen, was dieses eine Gesicht einzigartig macht. Der schiefe Mundwinkel, der zu weite Augenabstand, das schwere Lid. Genau die Dinge, die kein Konstruktionsmodell vorsieht.
